20. Jahrhundert - Neuzeit bis 1920
Geschrieben von Willi Vey   

1905 baute die Stadt Fulda ihre Wasserleitung durch das Gichenbachtal. Viele Gastarbeiter, vornehmlich Italiener, wurden für die Erdarbeiten eingesetzt. Maschinen gab es hier noch nicht, es wurde alles in Handarbeit ausgeführt.

Gefaßt wurde eine Quelle im Rommerser Grund (Weyher) sowie die Pfaffenquelle und der Katzenstollen.

Es kam zu Streitigkeiten zwischen der Stadt Fulda und Gichenbach wegen bestehender Wasserrechte. Hierfür erhielt die Gemeinde Gichenbach eine Enschädigungssumme von 18.000 Mark mit der Auflage, dieses Geld zum Bau einer eigenen Wasserleitung zu verwenden.

Hintergichenbachtal
Blick ins Hintergichenbachtal

So wurde 1907 mit Fassung des Müllersbrunnen in Hintergichenbach die damalige Wasserleitung mit einer Summe von 32.000 Mark erbaut. Die vorherige Wasserversorgung der Gehöfte war, soweit keine Brunnen vorhanden, oft durch sehr lange Wassergräben von den Bachläufen aus gewährleistet.
Der 1. Weltkrieg (1914-1918) war ein einschneidendes Ereignis für die Bewohner Gichenbachs. Alle wehrfähigen Männer wurden zum Kriegsdienst eingezogen und die Ernährung und Versorgung der oft sehr kinderreichen Familien fiel den Fraun und älteren Dorfbewohnern zu.
Sieben junge Männer kehrten aus diesem Krieg nicht mehr heim. Die letzten aus sibirischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrten Soldaten im Jahre 1920 waren Philipp Vey vom Kastenhof und Edmund Schmidt aus Hintergichenbach.
Die Nachkriegsjahre brachten schwere Zeiten über das Land und besonders über die arme Rhön. Zu dieser Zeit bestand außer Wald- und Heimarbeit keinerlei Verdienstmöglichkeit in der Gegend. Die Kleinbauern und Hüttner mussten den kargen Böden in harter Handarbeit das tägliche Brot für ihre Familien abringen.
Ohne Maschinen und Kustdünger waren die Ernteerträge mit den heutigen nicht zu vergleichen, und man war froh, wenn immer genügend Brot und Kartoffeln für die Familie vorhanden waren. Durch Flachsanbau und Schafzucht wurde ien großer Teil des Bedarfes an Kleidung gedeckt, auf Webstühlen wurde das bekannte Rhöner Leinen gewebt.
Wenn im Winter ein Schwein geschlatet wurde, so war dies für die ganze Familie ein Fest.
Heuernte in der Rhön
Heuernte in der Rhön
Als fleißige Arbeitskräft waren die Rhöner Arbeiterinnen und Arbeiter in anderen Gegenden Deutschlands sehr gefragt. So zogen auch aus dem Dorf Gichenbach die Rhöner Mäher und Schnitterinnen in die Gegend um Frankfurt am Main zur Heu- und Fruchternte. Andere wiederum verdingten sich im Herbst in die Keltereien zum Apfelweinkeltern.
Schulpflichtige Kinder aus kinderreichen Familien wurden oft als Hüte-Jungen und -Mädchen zu auswärtigen Bauern verdingt. Vor der Schule mussten sie schon den Mähern das Frühstück auf die Bergwiesen bringen. Nach dem Unterricht mussten sie wieder das Vieh hüten oder bei Erntearbeiten helfen. Oft konnten erst am späten Abenddie Schularbeiten bei Petroleumlicht gemacht werden. Nicht selten fielen ihnen vor Müdigkeit die Augen zu. Da der Wohnraum meist sehr beengt war, war ihr Schlafplatz oft auf dem Dachboden und nicht selten lag in den kalten Rhönwintern der Schnee auf der Bettdecke. Als Jahreslohn gab es im allgemeinen ein Kleidungsstück, ein Paar Socken und Schuhe und ein Zentner Frucht.
handgeschnitzte alte Kochlöffel
handgeschnitzte alte Kochlöffel
Ein anderer Haupterwerbszweig war die Heimarbeit. Es wurden Holzlöffel, Wäscheklammern, Körbe und Holzschuhe hergestellt. Die ganze Familie musste dabei mithelfen. Holzlöffel wurden in allen Größen und Sorten hergestellt, ebenso Holzschaufeln, von dem kleinsten Salzschäufelchen bis zur großen Fruchtschaufel.
Auf Drehbänken, die durch ein Tretwerk angetrieben wurden (Kinder mussten oft mittreten helfen), fertigte man auch Schlotterfässer (Wetzfaß), Blasrohre (zum Entfachen des Feuers und Bierhähne an. Die Erträge für die hergestellten Holzwaren waren sehr gering, so z.B. erhielt man für ein Schock Wäscheklammern 11 Pfennig.
Bekannt war auch die Vogelzucht in der Gegend Gichenbachs. Es wurden Dompfaffen, ein oder zwei Lieder singend, abgerichtet. Sie wurden weit über die Grenzen Deutschlands hinaus verkauft. Ein Züchter und Aufkäufer aus Dalherda belieferte sogar das Zarenhaus in Rußland.

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