 Untergichenbach ist in dem Ebersberger Ortsteil Schmalnau aufgegangen, obwohl das Schild einen eigenständigen Ortsteil suggeriert. Es gibt den Ebersburger Weiler Gichenbach mit 77 Einwohnern und den Gersfelder Stadtteil Gichenbach, der 202 Einwohner zählt.
Das ist für Auswärtige verwunderlich und nicht nachzuvollziehen. Für die „Stoarn“, wie die Gichenbacher auch genannt werden, ist es seit 1972 Normalität. Seitdem verläuft eine Grenzlinie mitten durch den Ort. 559 Jahre lang, seit der Ersterwähnung im Jahre 1413, gab es nur ein Gichenbach. Dann kam die Gebietsreform im Jahr 1972. Der Ort war zu klein, um eigenständig zu bleiben. Fast alle der etwa 280 Einwohner gingen davon aus, dass sie zukünftig Gersfeld zugeordnet werden sollten. Doch bei der entscheidenden Abstimmung in der Gemeindevertretung votierte ein Vertreter gegen den Vorschlag, dass Gichenbach zu Gersfeld gehören sollte. Der Abweichler akzeptierte seine Niederlage nicht, sondern initiierte eine Unterschriftenaktion. Und siehe da, etliche Untergichenbacher unterschrieben. Da eine Einigung partout nicht zustande kam – sogar Landtagsabgeordnete und der Landrat wurden eingeschaltet – wurde der kleine Ort aufgeteilt. Trennung nach KatasterkarteDie hessische Landesregierung trennte Gichenbach stur nach der Katasterkarte. Damit gehörte das damals 49 Einwohner zählende Untergichenbach, gelegen in der Flur 1, zur Gemeinde Ebersburg und das wesentlich größere Mittelgichenbach zu Gersfeld. Diese Aufteilung hatte Folgen: Das Anwesen des Landwirts Karl Heil war durch die neue Grenze nun geteilt. Das Wohnhaus gehörte zu Ebersburg, Stall und Landflächen zu Gersfeld. Da das Wohnhaus ausschlaggebend war, wurden Karl Heil und seine Familie auf einmal Ebersburger – sehr zu deren Leidwesen. Umgekehrt wurde nach der Neuaufteilung sein Kollege Josef Fröhlich auf einmal Gersfelder. Der Ärger der beiden Landwirte ist konfessionell begründet. Bis zur Gebietsreform gab es eine Besonderheit in Gichenbach. Die Untergichenbacher waren mehrheitlich katholisch, die Mittel- und Hintergichenbacher dagegen fast allesamt Protestanten. Die Ursachen dieser Teilung liegen knapp 500 Jahre zurück. Ganz Gichenbach wurde im Zuge der Reformation evangelisch. Doch während der Gegenreformation wurde das viel kleinere Untergichenbach, das näher an Schmalnau liegt, wieder katholisch. Seit dieser Zeit war Gichenbach zwar konfessionell gespalten, blieb aber eine Gemeinde. Die Gichenbacher besuchten unterschiedliche Kirchen, aber ansonsten unternahmen sie vieles gemeinsam, halfen einander und fühlten sich zusammengehörig. Selbst das Dritte Reich änderte daran nichts. Allerdings wurde Gichenbach damals kleiner. Denn als der Truppenübungsplatz in Wildflecken gebaut werden sollte, wurden Flächen für das Gelände benötigt. 59 Einwohner, die in zehn Häusern in Hintergichenbach wohnten, mussten ihre Heimat verlassen und sich eine neue Bleibe suchen. Nach dem Krieg normalisierte sich bald wieder alles in dem kleinen Ort, der romantisch in einem der schönsten Täler Hessens gelegen ist. Das kulturelle Leben blühte auf, drei Vereine hatten daran wesentlichen Anteil: Die Sport- und Kulturgemeinschaft, die Kyffhäuserkameradschaft und die Feuerwehr. Man löschte gemeinsam, spielte zusammen Theater oder sang einträchtig Lieder. Doch das Jahr 1972 markierte einen Einschnitt. Seitdem gehen die Untergichenbacher Kinder nicht nur nach Schmalnau in die Kirche, sondern auch in die dortige Grundschule und den Kindergarten. Die Gersfeld-Gichenbacher Jungen und Mädchen besuchen Kirche, Schule und Kindergarten im evangelischen Hettenhausen. Diese Aufteilung spiele heute keine große Rolle mehr, erklärt Silvia Quillmann. Sie ist Ortsvorsteherin in dem 202 Einwohner zählenden Mittelgichenbach. Quillmann freut sich, dass in den Vereinen, die allesamt in Gersfeld-Gichenbach ihre Heimat haben, viele Untergichenbacher aktiv sind. Bestes Beispiel sei Winfried Kress, der Vorsitzende der Kyffhäuserkameradschaft. Überhaupt lobt sie das bunte Vereinsleben und das Miteinander: Es gibt den Strickverein, die Sport- und Kulturgesellschaft mit den Schützen, der Theatergruppe und dem Wanderclub – dazu wie seit eh und je die Feuerwehr und eben die Kyffhäuserkameradschaft. Etwas anders schildert der Schmalnauer Ortsvorsteher Leo Weber, der auch zuständig für Ebersburg-Gichenbach ist, die Situation. Nach seiner Beobachtung seien die meisten Untergichenbacher nach Schmalnau orientiert. In der dortigen Feuerwehr, der Kapelle oder der Kirchengemeinde seien viele aktiv. Unabhängig von der unterschiedlichen Einschätzung der beiden Ortsvorsteher entwickeln sich die beiden Gichenbachs prima. Von demografischen Problemen kann keine Rede sein. Die Einwohnerzahl von Untergichenbach wuchs seit 1972 von 49 auf jetzt 77. Und Silvia Quillmann berichtet erfreut, dass in den vergangenen drei Jahren sieben Kinder zur Welt kamen und allein in diesem Jahr weitere drei erwartet werden. Beim Faschingsumzug im Februar in Gersfeld hatten die Gichenbacher einen eigenen Wagen auf dem zu lesen stand: „Hier hat der Storch sein zweites Zuhause.“ Quelle/Originalartikel in der Fuldaer Zeitung von Rainer Ickler |